Péterfy Gergely

Der ausgestopfte Barbar

Der ausgestopfte Barbar

Megjelenés éve: 2016

Dass jemand von seinen eigenen Freunden ausgestopft werden muss, ist eine wahrlich absurde Situation. So geschehen mit Angelo Soliman, der als Kindersklave um etwa 1720 nach Wien kam, dort an verschiedenen Fürstenhöfen eine vielfältige Bildung genoss und in späteren Jahren einer der brillantesten Geister seiner Epoche war. Er bewegte sich in den Kreisen der Freimaurer, pflegte auch gute Beziehungen zu Kaiser Joseph II, zu Fürsten und zu namhaften Wissenschaftlern seiner Zeit. Angelo Soliman war aber ob seiner Hautfarbe auch eine Jahrmarktsattraktion, eine lebende Figurine der Fremdheit – und daher wurde nach seinem Tod seine Haut auf eine Statue aus Holz gespannt und als namenloses Exemplar seiner „Rasse” im Hof-Naturalien-Cabinet (dem Vorgänger des Natur-Historischen Museums in Wien) ausgestellt, bis sie in einem Feuer bei den Kämpfen des Jahres 1848 vernichtet wurde. „Der ausgestopfte Barbar” ist aber mehr als nur die Geschichte des Angelo Soliman.

Olvasói értékelések

Dieses Buch finde ich sehr gut, es ist ein besonderes und schön geschriebenes Buch, und es ist nicht ganz leicht zu lesen. Ja, die Leser müssen aufmerksam sein, dürfen den Faden nicht verlieren, um auf dem Laufenden zu bleiben, wer in welcher Phase, zu welcher Zeit des Romans erzählt: ist es der Erzähler, oder ist es Sophia, die Frau von Ferenc Kazinczy, des großen Geistes- und Kulturwissenschaftlers, oder ist es dieser selbst; ist es Angelo Soliman, der „ausgestopfte Barbar“, oder ist es eine der vielen anderen Figuren aus dem Habsburgerreich des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, als es seinen Absolutismus nur noch mühsam und nur mit Gewalt gegen den aufklärerischen Geist und den Unabhängigkeitsdrang seiner vielen Völker durchsetzen konnte. Hilfe bietet der Klappentext, der kurz und bündig den Inhalt wiedergibt und sich so unendlich wohltuend unterscheidet von der plumpen Umschlagswerbung, mit der selbst beste Bücher dem Leser in den Rücken fallen.
In vielerlei Hinsicht ähnelt dieser von historischen Tatsachen durchdrungene Roman den Werken von Umberto Eco, thematisch etwa dem „Friedhof in Prag“. Aber Peterfys Roman bewegt sehr viel stärker das Gemüt als Eco, ist entschieden grobkörniger, setzt unbeirrbar das Bösartige gegen das Gutartige; Niedertracht, Neid, sexuelle und materielle Gier, Verleumdung, Lüge, diese Grausamkeiten aus den Niederungen der Menschheit, gegen Bildung, Intelligenz, Nachsicht und Toleranz. Seine Helden, der Ungar und der Afrikaner, ertragen bis zur Selbstaufgabe all die Schmähungen, Beleidigungen und Verleumdungen der Infamen, in stolzer Einbildung ihrer eigenen Überlegenheit, im Vertrauen darauf, dass die Zukunft auf ihrer Seite steht, diese Zukunft, die in der Gegenwart enthalten ist. Aber doch ist diese noch in weiter Ferne, wird verdüstert durch die Besessenheit der Helden, die gefangen vom Okkultismus und der Geheimwissenschaft des Freimaurertums, abergläubisch Zeichen des Schicksals erraten, wo es sich um nichts anderes als den Zufall handelte, der Sophia zu Ferenc und Ferenc zu Angelo und Angelo zu seinen fürstlichen Gebietern geführt hat.
Der Roman spielt in der begüterten Welt der Adeligen und Fürsten. Die Dienerschaft ist das geschundene, rechtlose, intrigante Beiwerk, die Bauern bilden den gewalttätigen Hintergrund. Die zahlreichen Frauen des Romans sind die mitleidlos Leidenden, sie lassen sich dem Willen und Wahnsinn ihrer Männer unterwerfen. Auch Sophia gehört dazu, wenngleich in vornehmerer Form. Gibt es ein Thema, unter dem das Buch zusammengefaßt werden kann? Es ist die Andersartigkeit, die von den Einheimischen in Stadt und Land nicht geduldet wird. Es sind die bekannten Verhaltensweisen: halt, kein Schritt weiter! Das Territorium ist besetzt; wer sich hier niederläßt, muß sich einfügen, so werden wie wir selbst, die uralt Eingesessenen. Das Andere wird im Roman in teils roher, teils subtiler Art gedemütigt, im schlimmsten Fall ausgeschlossen, eingekerkert oder getötet. Die Verhältnisse haben sich gebessert, das heute ist mit dem damals nicht vergleichbar, und dennoch: die Boshaftigkeit blüht und gedeiht, am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Studium, auf der Straße, in den Kneipen und Krankenhäusern, und Mißgunst hält die neu oder später Angekommenen auf Distanz. So gesehen, ist das Thema des Buchs zeitlos, damals wie heute.

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