Péterfy Gergely

Surreale Geschichten, skurrile Beziehungen Gergely Péterfys neuer Roman „Baggersee”

Der Zsolnay Verlag veröffentlicht Gergely Péterfys neuen Roman „Baggersee“. Der Autor hat mit seinem Buch eine eindrucksvolle Parabel über das verworrene Beziehungsgeflecht der Gesellschaft der Postmoderne geschaffen, teilt der Verlag mit.

Klappentext: Eine verbotene Zone, ein paradoxer, künstlicher Ort? – Sonderbar ist dieser Baggersee, der die Menschen mit magischer Kraft anzuziehen scheint. Merkwürdige Existenzen kommen mit allerlei Gepäck und voller Tatendrang an den See, um dort, wie es der selbsternannte und selbstverständlich alleswissende Aufseher formuliert, „zu ertrinken“. Gergely Péterfy, der in Ungarn Romane, Hörspiele und Erzählungen publiziert, fabuliert präzise wie Péter Esterházy, und sein Erzählen erinnert an die meisterhaften „Miniaturnovellen“ von István Örkény. Auf knappem Raum versteht er es, eine vielschichtige Welt, ein kunstvolles Geflecht aus surrealen Geschichten und skurrilen Beziehungen zu entwerfen.

Gergely Péterfy, geboren 1966, publiziert in Ungarn Romane, Hörspiele und Erzählungen. Er erhielt mehrere Stipendien und wurde unter anderem mit dem József-Attila-Preis (2004) ausgezeichnet. (mik/tan)

Sie kommen her, um im Wasser zu ersticken, sagt der Wächter. Sie glauben, sie kämen zum Baden, weil sie nicht wissen, dass sie zum Ersticken kommen. Am Wegrand ist Unkraut, dieses winzige, kaum erkennbare Unkraut am Rande der Schöpfung. Haare, Stofffasern, Bänder von Video- und Audiokassetten ziehen sich hier entlang und zittern im Wind.

Über diese Straße muss jeder kommen, der baden will, das heißt ersticken, sagt der Wächter. Er hat keine Mütze, keinen Stock, keine Uniform, nur ein angeheftetes Stück Stoff am Jackett, darauf steht mit einem Filzstift: WACHE. – Die Sonne bleicht es im Sommer immer aus. Jedes Frühjahr schreibe ich darauf: WACHE. Voriges Jahr hatte ich noch einen grünen Filzstift, jetzt habe ich bloß einen blauen. Den grünen mochte ich lieber. Der ist amtlicher. Seit er mit blauem Filzstift WACHE auf das angeheftete Stück Stoff an seiner Weste geschrieben habe, fühle er sich nicht mehr sicher. Kürzlich sei er überfallen worden, das habe an dem blauen Filzstift gelegen, meint er.

– Früher hat niemand gewagt, mich anzugreifen. Nicht einmal mein eigener Vater. Hinter den Büschen hätten sie gelauert. Der eine sprang plötzlich vor ihn hin, der andere schlich sich hinter seinen Rücken. Ich bin die Wache, sagte der Wächter. Hier gibt es keine Wache, antwortete der eine. Das ist ein freier Strand. Und schon schlug er zu. Von hinten hielt ihn der andere fest, während der eine ihn von vorne schlug. Dreimal in die Magengrube. Dann ließen sie ihn liegen. Ihr werdet ersticken!, rief ihnen der Wächter hinterher. Sie aber lachten nur. Die aufklatschenden Badeschlappen wirbelten ihnen Staubwolken um die Beine. Darin verschwanden sie. Er lag auf der Straße, über dem Kopf zitternde Bänder von Video- und Audiokassetten, und Unkraut.

– Ich wollte nicht mehr aufstehen. Dann dachte ich, es steht mir zu, dass ich sehe, wie ihre Leichen vom Wasser nach oben getrieben werden. – Es sei denn, sie klammern sich unter dem Wasser fest, am Griff eines alten Ofens oder an einer Waschschüssel voller Schlamm. – Wer ertrinkt, weiß oft nicht, wo oben und wo unten ist. Darum kämpft er sich manchmal weiter nach unten vor und klammert sich dort fest. Die Tiefe des Baggersees ist voll von solchen Toten, die sich festklammern. Sie hocken um den alten Ofen und liegen um die Waschschüssel herum. Manche klammern sich aneinander fest, sagt der Wächter.

Wir sollten zur Trinkstube gehen, schlägt er vor. – Ich wohne seit zwanzig Jahren am Baggersee, aber ich habe nicht gewusst, dass es eine Trinkstube gibt. – Aber sicher. An jedem Baggersee gibt es eine Trinkstube. Eine Trinkstube und einen Wächter. Und wirklich, da war die Trinkstube. – Das ist Irma. Und das ist mein Freund. Er wohnt seit zwanzig Jahren hier am Baggersee. Irma ist wie ein Dinosaurier mit Federn auf dem Lastwagen-Parkplatz. – Ich wohne auch schon lange hier! Ich wohne gerne hier. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. – Es gibt auch längere Zeiten. Aber lassen wir das. Mein Freund möchte trinken, sagt der Wächter.

Irma wischt Kaffeesatz aus dem Glas, aber der Kaffeesatz bleibt. Den Wein gießt sie darüber. Vielleicht ist es gar kein Kaffeesatz, vielleicht sind es Ameisen oder Mohn. – Wein von meinem Bruder. Hauswein. Reiner Wein, sagt Irma. – Guter Wein. Der Hauswein von ihrem Bruder, sagt der Wächter. Ich wohne seit zwanzig Jahren am Baggersee, aber ich habe noch nie den Hauswein von Irmas Bruder getrunken. Altöl, Essig und Ziegenpisse, mit Ameisen darin. – Dein Bruder hat Talent, sage ich. – Stimmt, sagt Irma. Erwohnt auch hier am Baggersee. Er ist sogar hier geboren. So etwas kann man nicht lernen.

Irmas Bruder habe den Baggersee schon mehrfach verlassen wollen. Er hasse den Baggersee, habe er Irma gesagt, sagt Irma. Als er jung gewesen sei, vor fünfunddreißig bis vierzig Jahren, habe er lernen wollen. Er hat gesagt, dass er lernen will. Dass er nicht hier am Baggersee verrotten will. Das hat er gesagt, verrotten. Dass Gott ihn ausersehen hat, dass Gott Pläne mit ihm hat, hat er gesagt, sagt Irma. Der Bruder von Irma, der Weinbauer, habe die Oper gemocht.

– Er ist in die Oper gegangen, um etwas damit anzufangen. Er hat nicht gewusst, was er anfangen würde, aber er spürte, dass er in die Oper muss. Und als er dann in der Oper gestanden habe, sei er dahintergekommen, dass das nichts für ihn sei. Wie eine Eingebung. Ich hatte das Gefühl, dass das nichts für mich ist, hat er gesagt, sagt Irma. Und Irmas Bruder sei heimgekommen und seitdem sei er Weinbauer am Baggersee. Er ist ein glücklicher Mensch. Weinbauern sind glückliche Menschen, sagt Irma.