Ein Baggersee ist in Gergely Péterfys gleichnamigem Band kein Ort des Badevergnügens, sondern eine seltsame Zwischenzone, in der rätselhafte Dinge passieren und Leichen auftauchen. Die Erzählungen in diesem Band kreisen um philosophische Fragen, lassen den Leser aber ziemlich ratlos zurück.
Ein ältlicher Kavalier strandet in Irmas Trinkstube und unterrichtet die Gäste lang und breit über die Kontaktanzeige, die ihn zu der attraktiven Witwe in der Nachbarschaft führen wird, vertrinkt dabei aber seine Entschlossenheit und fährt nach einer Nacht unter dem Sternenhimmel unverrichteter Minne wieder dorthin zurück, wo er herkam. “Witwe Katalin Vadász” heißt die kurze Geschichte, die in Gergely Péterfys Band “Baggersee” noch am konventionellsten wirkt.
Die folgenden fünf Erzählungen sind weitaus verwunderlicher: Eine “böse Vera” schmeißt mit den Worten “subjektiv”, “objektiv” und “Konglomerat” um sich, lockt den Maler Ervin in ihr Bett und verkauft seine Bilder an der Straße an Lastwagenfahrer, die auch wegen ihrer kurzen Röcke halten.
Der “narbige Anti” bekommt einen Brief, den er nicht liest, der ihn aber jede Sicherheit verlieren und einen anderen Namen annehmen lässt. Drei Menschen haben eine Vision, ein kleiner Vogel verweigert in einem Schuhkarton die rettende Nahrung. Dann ist das Buch zu Ende, dessen zentrale Figur, der Wächter, sich nicht zu Unrecht fragt: “Und was für einen Sinn das Ganze eigentlich haben solle?”
Alle Geschichten tragen sich an einem Baggersee zu, der für den Wächter kein Ort sommerlichen Badevergnügens, sondern des Todes ist. “Sie glauben, sie kämen zum Baden”, sagt er dem schemenhaften Ich-Erzähler, “weil sie nicht wissen, dass sie zum Ersticken kommen.” Der See sei voller Leichen und Müll, weshalb jeder, der badend dem Dreck entkommen wolle, so der Wächter, sich im Dreck wiederfinde.
In sechs nummerierten Kapiteln, die mit den ebenso vielen, oben erwähnten Geschichten abwechseln, erzählt der Wächter von seinen Erlebnissen. Er ist wie alle an diesem Randort dem bürgerlichen Leben entflohen. Der Baggersee ist nicht dessen Negation, sondern eine Zwischenzone:
“Im Gegensatz zum Nichts, das gesetzlich wäre, ist hier alles, was ist, bis zum letzten Nagel ungesetzlich.”
Das schlechte Gewissen, das daraus folgt, lässt nur Provisorisches entstehen: “bei den Holzhäusern fehlt es meist an Holz, beim Beton an Zement, Brunnen reichen nicht bis zum Wasser”. Der Wächter bewacht also kaum etwas.
Als Teil des Rands sucht er das Vergessen und muss feststellen, dass nach dem Vergessen ein “Constrictor” auftaucht, ein Statthalter der vergessenen Dinge, der an diese erinnert und selbst nicht zu vergessen ist. Immerhin nähert sich der Wächter der vollkommenen Fremdheit an, doch als er die von ihr geschenkte Erkenntnis formulieren will, bricht sein Satz in der Mitte ab. Der Wächter ist ein Philosoph ohne mitteilbare Erkenntnis, eine kontemplative philosophische Existenz. Vielleicht auch ein Gefährte von Samuel Becketts großen Wartenden Estragon und Wladimir.
Gegerly Péterfy, 1966 geboren und Nachwuchsprofessor für klassische Sprachen, Ästhetik und Stil an einer kleinen Universität in Nordungarn, legt in seinem ersten ins Deutsche übertragenen Buch, das vom Verlag seltsamerweise als Roman annonciert wird, rätselhafte und phantastische Erzählungen vor. Es sind philosophische Miniaturen über das Nichts und das Heim, über den Rand des Lebens und des Erkennens, über die Kontemplation und die Tat und den Tod. Sie animieren den Leser zum Staunen und lassen ihn immer wieder fragen: “Und was für einen Sinn das Ganze eigentlich haben solle?”
Rezensiert von Jörg Plath