Gergely Péterfys erster auf Deutsch vorliegender Roman “Baggersee” ist eine meisterhafte Parabel über die Unmöglichkeit des modernen Lebens Eine tote Zone, eine leere, leblose, eine desolate Zwischenwelt hat der ungarische Autor Gergely Péterfy in seinem wunderbaren Roman Baggersee entworfen: Diese Zone, die man sich als eine verdreckte, vermüllte Mondlandschaft vorstellen kann, birgt etwas zutiefst Unheimliches, das jedoch zugleich jedes Unheil, jede Furcht verhüllt. Denn manche fühlen sich von dieser magischen Zwischenwelt wie aus einem drängenden inneren Bedürfnis heraus angelockt. Als wäre die Welt zugrunde gegangen und der Baggersee der letzte abgekapselte Fleck, der den Übriggebliebenen zum Ausharren bleibt. Denn alles Lebende ist in dieser Zone seltsam gebremst, gedämpft. Diese Übriggebliebenen, in Wahrheit sind es eigenwillige Aussteiger, kommen hierher wie auf ein Abstellgleis. Es sind eigenartig selbstbestimmte Melancholiker, die hier ihr Leben auf “Pause” stellen wollen. Und dann bleiben. Wie der narbige Anti, der in einem halben Bus in dieser Einöde lebt und auf einen Grund wartet, in sein Leben zurückzukehren. Doch diesen Grund will er nicht annehmen, inzwischen – womöglich bis in alle Ewigkeit – sammelt er Knochen in Kartonschachteln. Oder der Wächter, der sich seinen Posten selbst ausgedacht hat und die wie aus dem Gras wachsenden in der Landschaft verstreuten alten Tonbänder von Kassettenspulen abwickelt und auf diesen Bändern immer wieder seine eigenen Bewegungen aufnimmt – bis er in diesen Tonspuren Fremden zu begegnen glaubt. Wen wundert es, dass der Wächter einmal, nachdem er von einem wundersamen Brüderpaar zusammengeschlagen wurde, erst Tage zwischen den Tonbändern auf dem Boden liegt, ehe er sich zum Aufstehen entschließt. Verhüllte Wirklichkeit Dieser Wächter – ihn lässt Péterfy den Leser um den Baggersee führen – hat sich damit abgefunden, dass man am Baggersee die Realität nicht immer ausmachen kann; dass hier, wohin man vor dem Leben geflohen ist, alles von seltsamen, entsprechend surrealistischen Vorgängen geregelt wird. Hier sind sogar die Träume anders: Im Schlaf läuft der Wächter durch einen Wald bergab. Von Baum zu Baum, und jeder Baum ist ein Gedanke. Mit jedem Mal aufwachen hat er ein bisschen mehr vom Leben vergessen. “Ich bleibe allein mit dem Fremden, das mich umschlingt, das mich Stück für Stück umschlingt, das sich in mir vorwärts bewegt, wie in der Erde ein Wurm”, heißt es dann. Und weil ihm mit der Zeit auch die Worte zu fehlen beginnen, hören manche der so präzise angelegten Kapitel mitten im Satz, mit einem angebrochenen Wort auf. Péterfy, Jahrgang 1966, schrieb mit Baggersee eine außergewöhnliche, meisterhafte Parabel über die Furcht vor dem Leben, über die paradoxe Existenz in einer modernen Gesellschaft. Seine Figuren sind alles andere als Versager oder Aussteiger. Sie stehen vielmehr erhaben, klar und wissend vor der Unmöglichkeit, das Leben zu leben, in das sie – womöglich aus Versehen – geraten sind. Sie sind Wissende, für einen Zweck Vorgesehene, der allerdings verloren gegangen ist. Die Landschaft des Baggersees, sie ist der Olymp dieser Gestrandeten und Orientierungslosen, der Götterhügel der Feinsinnigen, die vielleicht bloß zur falschen Zeit in die falsche Welt geraten sind.